Du führst uns hinaus ins Weite

von Martina Patenge, Mainz
Kath. Morgenfeier, hr 2, Fronleichnam, 22. Mai 2008

 

Rucksäcke, bunte Bänder mit Teilnahmeausweisen um den Hals, fröhliche Stimmen, viele Menschen: So beginnt jeder Katholikentag und jeder Kirchentag, sobald ich aus dem Bahnhof trete. Verwirrend viele Angebote, viele Hinweisschilder, und es dauert seine Zeit, bis alle sich zurechtfinden. Osnabrück ist seit gestern Abend Stadt des Katholikentags, überschwemmt von fröhlichen Menschen mit ihren Bändern und Rucksäcken. Sie werden Vorträge hören, in Workshops arbeiten, Gesprächskreise besuchen. Begegnen anderen Christen, beten miteinander und singen. Besonders singen. Es wird viel gesungen auf Katholikentagen. Und im Mittelpunkt steht in diesem Jahr das Wort aus dem Psalm 18: „Du führst uns hinaus ins Weite" (Ps 18,20)

Wenn die Besucherinnen und Besucher hinausgehen in die Weite der Katholikentagsveranstaltungen, so geht dieser Vers mit ihnen. Der Psalm 18 ist ein mächtiger Psalm - das Gebet eines Menschen, der verfolgt und bedrängt und von allen Seiten gefährdet war- scheinbar verloren. Lang und breit führt der Beter das aus, in vielen Bildern malt er seinen Untergang. So schlecht ging es ihm, seine Lage war hoffnungslos. Und doch fand er Hilfe, neue Freiheit, und einen neuen Weg ins Leben.
Er drückt diese Erfahrungen so aus:

Mich umfingen die Fesseln des Todes,
mich erschreckten die Fluten des Verderbens.
Die Bande der Unterwelt umstrickten mich,
über mich fielen die Schlingen des Todes.
In meiner Not rief ich zum Herrn
und schrie zu meinem Gott...
Er griff aus der Höhe herab und fasste mich,
zog mich heraus aus gewaltigen Wassern...
Er führte mich hinaus ins Weite,
er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen. (Ps 18,5-7.17.20)

Dramatischer kann einer sein Leben kaum beschreiben: Fesseln des Todes, Fluten des Verderbens, Bande der Unterwelt, Schlingen des Todes...
Mir fallen dazu konkrete Menschen ein. Eine Frau, gefangen in der dunkelsten Depression, die medizinische Kunst ist da am Ende. Familien mit einem gewaltigen Schuldenberg. Ein Freund, zum zweiten Mal an Krebs erkrankt. Ein Jugendlicher mit quälender Zukunftsangst. Eine trauernde Witwe. Sie alle erzählen davon, wie manchmal die Fluten des Verderbens über ihnen zusammenschlagen wollen. Wie es ist, gefesselt zu sein im Leid. Leid macht einsam, selbst wenn liebe Freunde da sind. Liebe Menschen sind wichtig. Sehr wichtig. Trotzdem fühlen sich Leidende oft einsam. Weil sie ihrem Schicksal alleine ausgeliefert sind. Menschen im Leid versuchen, die Schmerzen irgendwie zu bewältigen. Trostworte helfen da oft wenig. Es ist so schwer, Geduld mit sich zu haben. Leidende ziehen sich eher zurück, suchen ihren Halt in der Stille, in leisen Gesprächen, gehen spazieren oder ziehen die Decke über den Kopf. Ein ziemlicher Kontrast zu dem fröhlichen Treiben eines Katholikentags.
Aber im Psalmvers steht genau ein solcher Kontrast. Erst ist da die große Klage über das Unglück - und auf einmal heißt es: Du führst uns hinaus ins Weite.
Ist das alles nur fromme Vertröstung?

„Hinaus ins Weite" - da denke ich zunächst an die Kinder, die hinaus ins Leben gehen. Sie sind so gute Lehrmeister. Vieles aus meinem eigenen Leben habe ich durch unsere Kinder ganz neu verstehen gelernt. Zum Beispiel die Sache mit dem Erwachsenwerden. Als die Kinder klein waren, wünschten sie sich nichts lieber, als groß zu sein. Eltern machen alles richtig, den Großen gehört die Welt, so glaubten sie. Wer groß ist, hat es immer gut. Wie bitter war die Entdeckung, dass Erwachsensein auch manchmal schwer ist. Autofahren dürfen und lange ausgehen können ist das eine. Konflikte lösen, Liebeskummer bewältigen, Sinn im Leben finden, einen Beruf ergreifen, für eine Familie sorgen, das ist das andere. Enttäuscht entdeckten sie, dass das Leben nicht vollkommen ist. Die Eltern nicht, die Freunde nicht, die Politik nicht......Dass wir manches mitschleppen von früher. Sehnsüchte. Schmerzen. Defizite. Dass jeder Mensch mal Angst hat. Und dass keiner alles kann.

Es war und ist spannend, den Weg der jungen Menschen ins Erwachsenenleben zu begleiten. Manchmal auch beängstigend für mich als Mutter. Ich muss aushalten, wie die Heranwachsenden experimentieren. Wie sie suchen, ausprobieren, sich in Gefahr bringen, Erfolg haben, durcheinander geraten.......die jungen Menschen gehen hinaus ins Weite und haben so wenig Sicherheiten dabei.
Und dann beobachten sie ihre Eltern, die Verwandten, Lehrer, die bewunderten Stars und Sportgrößen: Wie machen die das? Wie können die leben? Was hilft? Wie geht das mit dem Leben? Woher nehmen andere ihre Kraft, um hinauszugehen?

Wenn es gut geht, entdecken sie schon als junge Menschen vieles, was ihnen Kraft gibt. Wie wichtig Freundschaft ist und die Kraft der Liebe. Sie lernen vielleicht den Segen der Ruhe kennen, und den Segen von Musik und Kunst und Literatur. Sie entdecken, was Natur ihnen geben kann, oder Bewegung. Und vielleicht finden sie irgendwann die Kraft, die aus dem eigenen Sein kommt. Ganz tief aus jedem - als einem lebendigen Selbst.
Immer wieder stellen die jungen Menschen auch die Frage nach Gott. Warum glaubt ihr? Hilft Euch das? Und noch viel mehr als zu fragen beobachten junge Menschen uns Ältere. Sie sehen und spüren genau, was mit uns los ist. Und sie spüren, ob meine Worte von Gott leer sind oder mit Leben gefüllt. Da kann ich nichts Falsches erzählen...wenn es nicht stimmt, legen sie den Finger drauf. Viele wollen das wissen - gerade junge Menschen. Deshalb fahren sie zu Katholikentagen und Kirchentagen. Sie wollen erleben, wie andere mit ihrem Glauben umgehen. Und sie wollen spüren, ob dieser Glaube trägt. Ob Gott sie wirklich ins Weite führt.
Daran denke ich, wenn ich im 18.Psalm lese:
Herr, du mein Fels, meine Burg, mein Retter,
mein Gott, meine Feste, in der ich mich berge,
mein Schild und sicheres Heil, meine Zuflucht. (Ps 18,3)

Und ich frage mich: wann erfahre ich Gott so schützend und bergend?

Das sind große Worte. Und es sind alte Worte. Erfahren von vielen Menschen, die vor mir gelebt haben, und von vielen, die jetzt leben. Sie fanden und finden Halt in ihrem Glauben. Fühlen sich geborgen. Und ich durfte manches davon kennenlernen. Wie es mich tröstet, immer wieder die heilsamen Geschichten zu hören aus der Bibel, Geschichten von dem liebenden Gott. Wie es mir hilft, alles was schwer ist Gott in die Hände zu legen, immer und immer wieder. Die düsteren Gedanken hinzulegen: „Hilf du Gott, und zieh mich heraus". Geduldig das Eigene tun, und gleichzeitig Gott bitten. Die einen tun es mit eigenen Worten, die andern leihen sich die Worte der Psalmen, es gibt da kein richtig oder falsch. Entscheidend ist die Haltung: Dass der hilfesuchende Mensch Gott bittet, Helfer zu sein, Retter, Fels, Burg und Zuflucht.

Nicht immer geschieht ein Wunder. Selten verwandelt sich das Leben von heute auf morgen. Aber oft verwandelt sich die Seele. Dann wird ein Mensch wieder zuversichtlicher, mutiger. Tankt wieder Kraft. Findet neue Wege. Vielleicht kommt dann genau zum richtigen Zeitpunkt ein Mensch, ein Freund, eine Freundin, und ich kann sagen: „Dich schickt der Himmel". Oder da findet mich das Buch mit dem passenden Wort. Ich werfe einen Blick aus dem Fenster auf die blühenden Bäume und sehe, wie schön das ist. Und es geht weiter, Schritt für Schritt. Das Herz weitet sich wieder, Leben kehrt zurück. So führt Gott den Menschen hinaus aus dem Düsteren. Das sind die Momente, wo jemand gerne sagt und singt:
Er griff aus der Höhe herab und fasste mich,
zog mich heraus aus gewaltigen Wassern.

Von solchen Erlebnissen müssen wir uns gegenseitig erzählen: Die Alten den Jungen, und die Jungen den Alten. Deshalb sind Kirchentage so wichtig. Hier feiert sich die Gemeinschaft der Christen. Wer behauptet, das sei überflüssig, der irrt gewaltig. Gläubige brauchen Orte, an denen sie einander als Glaubende näher begegnen können. Orte, an denen wir miteinander reden über unseren Glauben und über unsere Fragen nach dem Leben. Es ist so wichtig, dass wir einander von der Hoffnung sprechen.

Er griff aus der Höhe herab und fasste mich,
zog mich heraus aus gewaltigen Wassern...
Er führte mich hinaus ins Weite,
er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen. (Ps 18,17.20)

Hier erzählt ein leidgeprüfter Mensch von einer gewaltigen Rettung. Hier erzählt einer, der neu anfangen durfte nach einer Krise, der sich wie befreit fühlt, weil Gott ihn gerettet hat. Hier spricht ein neugeborener Mensch: Befreit aus seinem Gefängnis, aus äußeren und inneren Gefahren, befreit aus dem ewigen Kreisen um sich selbst, befreit, um „hinaus ins Weite" zu gehen.
Doch um den Weg ins Weite zu gehen, ist erst einmal das Gegenteil sehr wichtig: der Weg nach innen. Ein Mensch, der nicht ab und zu nach innen geht und sich besinnt - der nicht die Stille sucht und wirken lässt, dem wird irgendwann etwas fehlen. Oder er wird unerträglich. Wir erleben die neue Innerlichkeit in diesem Jahrzehnt, nicht nur in den Kirchen. Menschen suchen Stille und wollen meditieren lernen. Sie suchen Gott und die Engel und alles, was ihre hungrige Seele nährt. Ob Schweigen oder Fasten oder Wandern mit der Bibel: Exerzitienkurse sind gut belegt, spirituelle Bücher gibt es wie Sand am Meer. Es gibt einen großen Hunger nach mehr Tiefe und spirituellen Erfahrungen.

Woher kommt dieser Hunger? Das Alltagsleben ist weitgehend gesättigt - und an dieser Stelle entsteht der Hunger nach mehr Tiefe, nach spirituellen Quellen, nach Gott. Und wer diesen Quellen nachspürt, will mehr davon, weil es das Leben verändert, vertieft, vielleicht sogar manchmal glücklich macht. Eine Frau sagt: „Seit ich regelmäßig meditiere, bin ich ruhiger geworden und spüre, wie reich mein Leben ist." Auf den Kirchentagen und Katholikentagen werden immer mehr die geistlichen Angebote gesucht. Jemand erzählt: „Wenn ich auf meinen Schöpfer schaue, werde ich dankbar. Und demütig. Das hat mein Leben verändert. "
Um dieses „verändert" geht es. Wenn ein Mensch sich innen verändert, dann wirkt das auch wieder nach außen. Das Innere will hinaus. Hinaus zu andern Menschen, hinaus in die Welt, hinaus ins Weite. Meditieren, Gott suchen - das muss auch dazu führen, sich mehr zu zeigen. Als Christ zu zeigen. Sich nicht nur um sich selbst kümmern. Einem Christen ist das Leben anderer wichtig und geht ihm zu Herzen.

Die Christen, die in diesen Tagen den Katholikentag besuchen, werden in Osnabrück neue Ideen sammeln, und manches erleben - aber vor allem können sie sich vergewissern: „Ich bin nicht alleine. Ich bin Teil einer Gemeinschaft. Gemeinsam sind wir Gottes Kinder und haben Gott in unserer Mitte. Und gemeinsam sind wir auf einem Weg ins Leben. Für uns und für andere." Diese Gemeinschafts-Erlebnisse stärken den Einzelnen. Sie sind wichtige Nahrung für die Seele.

Jeder Gläubige braucht diese Nahrung. Das kann sehr verschieden aussehen. Manchem genügt der Sonntags-Gottesdienst. Und kirchliche Feste. Ein starkes Gemeinschafts-Erlebnis ist der heutige Fronleichnamstag mit seinen feierlichen Prozessionen: Auch hier geht es hinaus ins Weite, mit Musik und Fahnen, und mit dem Herrn in der Mitte. Auch hier geht es um Stärkung und Nahrung für die Seele. Ein kleiner symbolischer Glaubens- und Lebensweg aus der Kraft Gottes im eucharistischen Brot.
Immer aber geht es darum: Dass Christen sich aufmachen und sich treffen, und Strecken ihres Lebenswegs teilen - und miteinander Gott suchen und finden.
Und manchmal - vielleicht - gibt es Momente, da passt dann eins der schönsten Bilder des Psalm 18:
Du, Herr, lässt meine Leuchte erstrahlen,
mein Gott macht meine Finsternis hell.
Mit dir erstürme ich Wälle,
mit meinem Gott überspringe ich Mauern. (Ps 18,29.30)