Den Glauben umziehen

hr 1 - Sonntagsgedanken von Andrea Schwarz vom 19.10.08


Übermorgen wird es um 7.30 Uhr an meiner Tür klingeln - hoffe ich zumindest mal. Denn am Dienstag ist Umzug angesagt. Und Möbelpacker fangen früh an. Aber mir soll es recht sein - ich bin zwar keine so große Frühaufsteherin, aber ich will es jetzt auch endlich hinter mir haben.
Umzug - die meisten von uns kennen das wahrscheinlich - oder erinnern sich zumindest dunkel daran. Die Wochen vorher sind wirklich schlimm: Man sortiert aus, muss den Sperrmülltermin im Blick haben, rückt Schränke weg, die seit Jahren dort stehen, um sie auseinander zunehmen, muss dauernd Entscheidungen treffen, wovon man sich trennt, was man noch braucht. Die Sachen aus der Tiefkühltruhe sollten auch noch weg - und bestimmen damit den Speiseplan; der Flohmarkt im Tierheim wird plötzlich zu einem Termin im Kalender, denn da kann man ja die Sachen abgeben, die man eigentlich nicht mehr braucht, aber zu schade zum Wegwerfen sind - und, ach, das Telefon muss ich ja auch noch ummelden! In den Möbelmärkten geht man auf die Suche nach einem neuen Kleiderschrank, weil der alte nicht in die neue Wohnung passt - und schielt mit einem Auge auf den Kontoauszug, denn der Kostenvoranschlag der Umzugsfirma ist noch nicht da - und dauernd hat man irgendwelche Putzlumpen und Besen in der Hand und kann sich einfach nicht vorstellen, wo der ganze Dreck hinter den Bücherregalen eigentlich herkommt.
Ausziehen - das macht wenig Spaß, sondern das ist wirklich Arbeit!
Und darüber hinaus konfrontiert es einen manchmal sogar noch mit sich selbst: „Hätte ich das nicht längst wegwerfen können?", „Ja, damals gekauft und auch nie getragen!", oder auch: „Wozu brauch ich eigentlich den ganzen Kram?".
Einziehen - das ist erheblich schöner! Alles ist frisch gestrichen, die neue Wohnung scheint riesengroß, weil sie noch so leer ist, die Teppiche waren in der Reinigung, und man kann ganz neu planen und gestalten! So ein Einzug in eine neue Wohnung ist so ein bisschen wie meine Stimmung an Neujahr - alles liegt irgendwie neu und noch unbeschrieben vor mir! Nur - Umzug ist noch ein bisschen größer vom Gefühl her - aber zum Glück auch seltener!
Irgendwann in den letzten Tagen, als ich einen Bücherkarton einpackte, dachte ich plötzlich: Wäre das nicht auch ganz schön, wenn es das ab und an einmal in meiner Art und Weise zu leben gäbe, so einen Umzug? Ausziehen, neu sortieren, neu anfangen? Das Verstaubte abstauben, einen neuen Platz finden für das, was mir wichtig ist, weg tun, was mir nichts mehr bedeutet? Um auch in meinem Leben neu einziehen zu können?
Und vielleicht gilt das auch für meinen Glauben - ausziehen, um neu einziehen zu können?

Ein Auszug meines Glaubens... nein, das heißt nicht, dass ich gar nichts mehr glauben will oder glauben soll. Im Gegenteil! Es ist die Einladung dazu, neu zu glauben!
Wenn ich mit meinem Leben, meinem Glauben umziehe, dann heißt das, ich sortiere neu. Ich entscheide, was ist wichtig, was nehme ich mit? Das heißt aber auch: Von was trenne ich mich? Was lasse ich zurück?
Wenn ich meinen Glauben umziehe, dann könnte das heißen, um es mit einem Bild zu sagen, dass ich das alte Kruzifix von der Wand nehme, die Spinnweben daran wegmache, es abstaube - und ihm einen neuen Platz gebe.
Umzug des Glaubens - das kann heißen, dass ich die Bilder von Gott, die ich in mir trage, daraufhin anschaue, ob sie noch aktuell sind, ob sie mich noch tragen.
Umzug des Glaubens - das kann heißen, dass ich meine Vorurteile auf Kirche einmal daraufhin überprüfe, ob sie eigentlich so noch stimmen.
Das kann heißen, dass ich zu der Erkenntnis komme: Von dem und dem hätte ich mich schon längst trennen können. Und dass mir vielleicht klar wird: Das ist mir so kostbar, das nehme ich mit!
Und ganz bestimmt werde ich mit der einen oder anderen Ecke meines Glaubens konfrontiert, die ein wenig Staub angesetzt hat.
Aber es könnte auch sein, dass ich in der alten Kiste im Keller etwas entdecke, von dem ich gar nicht mehr wusste, dass ich es noch habe!
Ich ziehe meinen Glauben um. Ich nehme ihn in die Hand, schaue hin, entscheide, was wichtig, was unwichtig ist, staube ab, was verstaubt ist, entdecke neu, was verborgen war.
Umzug des Glaubens - das Problem ist nur, dass da am Dienstagmorgen um 7.30 Uhr keine Möbelpacker vor der Tür stehen, die den Umzug für mich managen - den Umzug kann ich nur selbst machen.

Umzug des Glaubens - nur ich selbst kann meinen Glauben umziehen. Und dazu muss ich Hand anlegen, so wie bei jedem anderen Umzug auch. Ich muss bereit sein, mich von manchem Gewohnten zu trennen, in dem ich mich so nett eingerichtet habe, was ich in meinem Gepäck mitgeschleppt habe. Ich muss bereit sein, den Staub und den Dreck wegzumachen, der sich über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte angesammelt hat.
Viele haben ihren Glauben, ihr Bild von Kirche seit Kindertagen nicht mehr „umgezogen", sondern sind da „wohnen" geblieben, wo sie als Kind, als Jugendliche waren. Es mag viele Gründe dafür geben - vielleicht gab es einfach keinen Anlass dafür umzuziehen. Mag sein, dass da Enttäuschungen und Verletzungen waren, die gut in die bisherigen Regale und Schränke hineinpassten. Und manch einer wollte vielleicht auch gar nicht umziehen... denn es ist halt schon auch ein wenig Arbeit damit verbunden.
Wir Menschen ziehen immer mal wieder um, von zuhause in die Studentenbude, von der Studentenbude in die erste eigene Wohnung, und irgendwann vielleicht sogar ins eigene Haus. Solche Umzüge sind in der Regel ein nächster Schritt in meinem Leben: Ich ziehe um, weil ich heirate, eine andere, bessere Stelle bekomme, weil Kinder kommen, weil ich mich im Alter wohnungsmäßig verkleinern will. Umzüge sagen immer etwas darüber aus, dass das Umfeld, in dem ich wohne, nicht mehr mit meinem Leben zusammen passt.
Und genau deshalb müsste ich eigentlich auch mit meiner Art und Weise zu leben und vielleicht auch mit meinem Glauben immer mal wieder umziehen - damit es nicht verstaubt, damit ich mich neu vergewissern kann, was ist wichtig, was ist unwichtig, was nehm ich mit, was lass ich da? Wenn sich mein Leben ändert, dann ändert sich oft auch meine Wohnsituation. Und so könnte sich vielleicht auch die Entwicklung meines Lebens in der Weiterentwicklung meines Glaubens widerspiegeln?
Aber dazu ist es eben notwendig, ab und an auch einmal auszuziehen, auch aus dem Gewohnten meines Glaubens, um neu einziehen zu können.
Einverstanden - solche Auszüge sind nicht immer einfach - und können manchmal wehtun, wenn man das Altvertraute und Liebgewonnene verlassen muss.
Aber es gibt auch in meinem Leben und in meinem Glauben dann einen Einzug. Wenn ich mich auf den Weg mache, das Verstaubte abstaube, das, was nicht mehr passt, weggebe, dann wird sich mir ein Weg eröffnen, der Frische und Lebendigkeit atmet. Ein Raum, den ich gestalten kann, ein Raum, der neu lebt.
Aber - ich muss es tun. Denn wenn es um diesen Umzug geht, wird kein Möbelpacker um 7.30 Uhr vor der Tür stehen.
Denn es geht eigentlich um den Umzug meines Lebens. Und das passt sowieso in keine Umzugskiste hinein.

Andrea Schwarz, Viernheim